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Am Anfang dachten wir beide noch das es nur um Angst und Unsicherheit ging. Das die Menschen einfach nur Zeit brauchten, sich an die neue Situation zu gewöhnen. Doch ganz langsam gesellte sich bei meinem Sohn zu der Hoffnung auch die Angst. Er begann zu begreifen, das diese Diagnose sein ganzes Leben verändern würde. Und das es nie mehr so sein würde wie vorher.
Das was da mit ihm und in ihm passierte, verstand er ja selbst nicht. Einfache Alltagssituationen waren ihm plötzlich unheimlich. Auf der anderen Seite war er feinfühliger als jemals zuvor. Die Sicherheit seines bisherigen Lebens, die Unbeschwertheit und auch seine Pläne für die Zukunft lösten sich in Luft auf. Bislang vertraute Dinge fühlten sich plötzlich fremdartig an.
Freunde waren keine Freunde mehr und aus Zuneigung wurde Misstrauen. Ehrlichkeit und Vertrauen hörten beinahe völlig auf zu existieren. Die Liebe die er in sich trug, fand kein Ziel mehr. Und alles was ihn bis dahin als Person ausmachte, wurde zu einem undurchdringlichen Nebel. In dieser Zeit starb er einen von vielen Toden.
Ein kleiner Lichtblick in dieser Zeit war eine Therapie. Doch es war auch der Eintritt in eine für ihn völlig unbekannte Welt. Nie werde ich den Tag vergessen, als ich meinen Sohn damals auf diese Station brachte. Außer einer kleinen Sache als Baby war er nie zuvor im Krankenhaus gewesen. Wir gingen durch die große Glastür und sahen die sterilen Flure und Türen. Alles wirkte kalt und nüchtern. Ich hörte mein Herz schlagen, laut und schnell. Am liebsten hätte ich meinen Sohn an die Hand genommen und wäre so schnell es geht wieder gegangen. Doch gab es eine Alternative? Und wie konnte diese aussehen? Urplötzlich bekam ich Magenschmerzen und mir wurde übel. Da ich aufgrund einer Angststörung selber schon eine Zeitlang auf einer solchen Station war, wusste ich ungefähr, wie es dort abläuft. Doch dieses Wissen half mir in diesem Moment nichts. Und während wir von den anderen Patienten neugierig beobachtet wurden, schien mein Sohn neben mir immer kleiner zu werden.
Wir wurden von einem Arzt begrüßt und in ein Büro geführt. Mein Sohn musste unzählige Fragen beantworten. Doch der Arzt war sehr freundlich und er versuchte ihm ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Ich verstand nicht viel von dem, was er uns erklärte. Doch waren wir hier wirklich „richtig“? War dies ein Ort, an dem meinem Kind geholfen werden konnte? Bekam er hier die Hilfe, die er so dringend brauchte?
Nach einer gefühlten Ewigkeit waren zunächst einmal alle Fragen beantwortet. Nun sollte er noch medizinisch untersucht und ihm ein Zimmer zugewiesen werden. Das war der Moment, wo ich mich von ihm verabschieden musste. Ich musste ihn hier zurücklassen und ich hatte das schreckliche Gefühl in im Stich zu lassen. In quasi diesen fremden Menschen auszuliefern. Und ich schwor ihm und mir: Egal wie lang oder wie schwer sein Weg sein würde, und ganz egal wo er auch hinführte – ich würde mein Kind auf diesem Weg begleiten!
Obwohl er nach außen den Eindruck von Stärke und Coolness vermitteln wollte, sagten seine Augen etwas ganz anderes. Es tat unglaublich weh ihn so zu sehen. Für mich war er in diesem Moment mein kleines hilfloses Kind. Er sah so zerbrechlich aus. Sein Körper bebte innerlich und seine Augen riefen lautlos nur ein einziges Wort: HILFE! Sein Blick als ich gehen musste, hat sich ganz tief in mein Herz gebrannt. Dieser Blick sagte mir: Bitte lass mich nicht allein, verlasse du mich nicht auch noch! Wir umarmten uns und er hielt mich so fest, als wollte er mich nie mehr loslassen. Bevor er sich umdrehte um der Schwester zu folgen, nahm er noch einmal meine Hände und hielt sie ganz fest. Und wieder sah er mich an. Das war der Moment, als ich zum ersten Mal die ungeweinten Tränen und die unglaubliche Traurigkeit in seinen Augen sah. Sie sollten ihn nie mehr verlassen.
An die Rückfahrt erinnere ich mich nur dunkel und zum Glück musste ich nicht selber fahren. Als im Rückspiegel das Klinikgebäude ganz langsam verschwand, hatte ich das Gefühl als hätte ich meinen Sohn im Gefängnis abgeliefert. Ich musste dem Impuls widerstehen, aus dem fahrenden Wagen zu springen und ihn dort wieder rauszuholen. Was war schief gelaufen? Warum befand sich mein Kind in dieser Klinik anstatt sich über seinen bösen Chef zu ärgern oder Party mit seinen Freunden zu machen? Ich war doch seine Mama, ich hätte doch auf ihn aufpassen müssen. Innerlich brach ich völlig zusammen. Und für einen Moment war ich sogar ein wenig erleichtert. Jetzt konnte ich vielleicht ein wenig durchatmen denn ich half meinem Kind nicht, wenn ich jetzt den Kopf verlor. Doch das war leichter gesagt als getan...
Erst einige Zeit später erkannte ich, das der Gedanke mir dem Gefängnis gar nicht so abwegig war. Er war tatsächlich im Gefängnis! In seinem ganz persönlichen Gefängnis, seinen Ängsten ausgeliefert und umringt von Dämonen.
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